Anlässlich 75 Jahren prima haben wir uns mit Herrn Leisering, dem Produktionsleiter von 1986 bis 2015, unterhalten.

Jeder, dem ich erzähle, dass Herr Leisering vorbeikommt, beginnt umgehend, in Erinnerung zu schwelgen.  Herr Leisering war von 1986 bis 2015 Produktionsleiter in Diemelstadt in genau dem Gebäude, in dem wir uns jetzt treffen. Am Montagmorgen um 9 Uhr sehen wir Herrn Leisering durch unsere Glasfront im neuen Empfangsbereich aus dem Auto aussteigen. Eine unserer langjährigen Reinigungskräfte, Frau Schlüter, arbeitet gerade im Raum und geht zur Tür, um sie ihm aufzuhalten. „Dafür muss Zeit sein,“ sagt sie und lacht.

Herr Leisering kennt das neue Büro bereits, er war vor zwei Jahren zuletzt hier. Wir setzen uns an einen der Tische im Pausenbereich. Während des gesamten Interviews kommen Mitarbeiter an uns vorbei und begrüßen Herrn Leisering freudestrahlend, manche setzen sich auch kurz zu uns. Jemand klopft ihm auf die Schulter und fragt: Haben Sie uns vermisst?

Nein. Ich bin Heimwerker und habe ein tolles Haus mit Garten, in dem ich viel mache. Und ich habe meine Enkelkinder, mit denen ich viel unternehme. Ich bin 2015 in Rente gegangen, danach habe ich hier noch auf Minijobbasis gearbeitet, habe mir viel Zeit genommen, Bedienungsanleitungen für die Maschinen geschrieben und den Umstieg auf Excel gemacht. Excel habe ich sozusagen hier gelernt. Aber als Corona anfing, war Schluss.

Wir sprechen darüber, dass das Gebäude, in dem wir sitzen, ursprünglich eine Weberei war. Ich frage Herrn Leisering, wie er zu uns gekommen ist.

Ich bin 1986 hingekommen, da war von der Weberei schon alles vergessen. Mein Bewerbungsgespräch war mit dem damaligen Geschäftsführer, Herrn Ludwig, und Herrn Dröge. Die haben mich damals gefragt, ob ich wüsste, was eine Abwicklung ist. Dass ich das wusste, hat ihnen gefallen.

Was haben Sie für eine Ausbildung gemacht?

Nach meinem Realschulabschluss habe ich Schlosser in einer Zementfabrik in Neubeckum gelernt. Danach habe ich den Industriemeister Metall gemacht und war Schichtmeister bei einem Rohrhersteller. Dort war es relativ anonym. Das Arbeitsklima war gut, aber man hatte mit anderen Kollegen gar nicht viel zu tun. Das war hier anders, hier war alles persönlicher. Jeder kannte jeden.

Wie viele Mitarbeiter haben hier gearbeitet, als Sie bei uns angefangen haben?

1986 waren hier um die vierzig Mitarbeiter.

Wie sah ein typischer Arbeitstag von Ihnen aus?

Theoretisch hatte ich eine 40-Stunden-Woche, praktisch waren es 45 bis 48 Stunden. Ich habe morgens um 6:15 angefangen. Zuerst bin ich rumgegangen und habe geschaut, wie die Nachtschicht lief. Wenn etwas nicht funktioniert hat, habe ich den Plan sofort umgeschrieben. Dann bin ich ins Büro, damals habe ich ja auch noch die ganzen Pappen angefordert. Ich habe mich außerdem um die Lehrlinge gekümmert. Wenn an einer Maschine etwas komplizierter war, habe ich das begleitet. Um halb 5 war meistens Schluss, ich war nie später als 17 Uhr zuhause. Samstags kam ich immer kurz vorbei, habe mir Reparaturen angeschaut oder überprüft, ob die Schichtpläne eingehalten wurden.

Wie haben Sie die Mitarbeiter geführt?

Für mich war es relativ einfach: Die Mitarbeiter konnten mich immer alles fragen. Dadurch hatte ich den Respekt und die Anerkennung, um auch etwas zu sagen zu haben. Außerdem war ich immer ehrlich zu den Leuten. Die Mitarbeiter wussten, dass sie sich auf mich verlassen können. Du sollst keinen Respekt bekommen, weil die Leute vor dir Angst haben, sondern weil die Leute wissen, dass es mit dir funktioniert. Wir haben auch gestritten, das gab es schon, zum Beispiel, wenn etwas an den Schichtplänen geändert wurde. Aber das ist manchmal so. Und du musst mit den Leuten reden.

Wie waren Ihre Anfänge mit der Wellpappe?

Ich kam hierher und wusste nichts von Pappen. Ich habe mir alles selbst erarbeitet, also habe ich auch alles verstanden. Ich mag es, tief ins Detail zu gehen. Alle haben ständig Umgang mit Verpackungen, aber niemand weiß, wo sie herkommen. Pappe ist nicht gleich Pappe. Es gibt tausend Sachen zu bedenken. Selbst die Fasern im Papier liegen nicht immer gleich. Jeder Millimeter muss stimmen. Und die Wünsche der Kunden sind anspruchsvoller geworden. Ist ja klar, jeder will das Beste haben. Alles wird komplizierter, und wenn du nicht mitspielst, bist du raus. Mir liegt sowas. Ich probiere auch gern was aus. Dafür brauche ich auch besondere Maschinen.

Herr Leisering deutet auf die Maschine, die jetzt, schwarz lackiert und mit eingebauter Glasplatte, als Tisch auf unserer Bürofläche steht.

Diese Maschine hier kann theoretisch Vollpappe rillen. Sie war selten im Einsatz, aber wenn sie es war, dann war sie sozusagen unsere Rettungsmaschine. Sie konnte beidseitig rillen. Wir haben sie benutzt, wenn etwas nachgerillt werden musste.

Wir sprechen darüber, wie die alte Produktionshalle aussah, bevor sie zum Büro umgebaut wurde.

Das Büro ist hier schon etwas Besonderes. Das ist schon nicht selbstverständlich, wie sich das hier entwickelt hat.

Ich erinnere mich, dass mich als Kind die Altpapierpresse beeindruckt hat, weil sie so viel höher als alle anderen Maschinen war.

Das war die HSM, so hieß die Presse. Die haben wir irgendwann verkauft. Irgendwann brauchte die Firma mehr Kapazität, dann kam eine neue Stanze dazu. Nach 2011 sind die Maschinen dann nach und nach in die neue Halle umgezogen. Die Klebemaschine stand früher hier, wo jetzt der Innendienst sitzt, bei den Fenstern an der Seite.

Ja, daran erinnere ich mich noch. Dort habe ich in den Schulferien mal beim Umpacken geholfen. Was würden Sie der Generation raten, die gerade in der Arbeitswelt anfängt?

Den jungen Leuten würde ich raten, die Sachen ein bisschen ernster zu nehmen. Die Jugend legt heute viel Wert auf Freizeit. Das hat natürlich auch mit dem aktuellen Arbeitsmarkt zu tun. Die Arbeit ist dennoch wichtig, und Erfolg kommt nur durch Fleiß und Anstrengung. Manche meinen, sie arbeiten acht Stunden, machen einfach irgendetwas und fahren dann wieder nach Hause. So kommst du aber nicht weiter. Du musst es so machen, dass deine Vorgesetzen sehen: Der strengt sich an. Das Problem ist heute, dass wir so viele Dinge haben, die das Leben einfacher gemacht haben. Niemand ist bereit, auch nur einen Schritt zurück zu gehen.

Immer wieder kommen Mitarbeiter zu uns und sprechen mit Herrn Leisering. Viele möchten darüber reden, was sich verändert hat, aber auch, was gleichgeblieben ist.

Früher gab es keine Verplanung, keinen Logistikleiter. Die Produktionsplanung habe ich gemacht. Ich hatte ein DIN A4 Blatt mit Spalten, dort habe ich alles per Hand aufgeschrieben. Diesen Zettel habe ich dann von morgens bis abends mit mir herumgetragen und bin durch die Produktion gelaufen. Auch die Entwicklung wurde früher per Hand gemacht. Heute schickst du die Daten einfach über das Internet, früher musstest du schauen, dass die Disketten über den Postweg rechtzeitig beim Werkzeugmacher ankamen. Ich habe früher 5 Stunden am Tag nur Muster gemacht.

Wie war das, als die neue Halle gebaut wurde?

Der Geschäftsführer hat mich gefragt, ob ich auch die Produktionsleitung für die neue Halle übernehmen möchte. Aber ich habe gesagt, das solle lieber jemand jüngeres machen. Eduard Görz war unser erster Lehrling. Eduard ist kein lauter Typ, er hört viel zu. Man merkt, dass er alles aufnimmt.

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